Kino erzählt.

„Aber in der Geschichte gibt es nur Krisen, keine Tragödien. Denn die Geschichte geht weiter“, schreibt Béla Balázs in seinem längst zum zeitlosen Klassiker der Filmtheorie gewordenen Buch »Der Geist des Films« (1930). Es ist ein Dialog mit sich selbst, den Balász darin führt. Eine Aushandlung von Skepsis und Technikbegeisterung, geprägt von einem für das frühe Zwanzigste Jahrhundert typischen Fortschrittsglauben und einer Vermessung der Utopie des neuen Mediums Film, dessen Spuren bis in die gegenwärtigen Debatten reichen. Und ebenda setzt dieser Text an: In der Gegenwart des Films. In der Gegenwart, die geisterhafte Züge der Zukunft in sich trägt, der Filmtechnik. Aber sehen wir erst noch einmal zurück, nehmen Balászs Stimme zum Tonfilm wieder auf: „Auch in der Kunst“, so schreibt er weiter „erschien jede Maschine zuerst als das seelenlose, ungeistige Prinzip. Aber der Mensch assimiliert sich die Maschine allmählich und zu seinem Organ. Sie wird zu seinen Fingerspitzen.[...] Denkt an die Anfänge der Kinematographie, und ihr werdet zuversichtlich sein.“ Zuversicht in den technischen Fortschritt. Zuversicht, dass das Neue, welches zwangsläufig ein Altes verdrängt oder in seine Grenzen weist, keine Katastrophe zeitigt, sondern wie Balász es fasst, lediglich eine Krise herbeiführt, die es lohnt ausgestanden zu werden. Blick zurück, Blick nach vorne: Zuversicht also und Glaube an das Gute im Fortschritt der Technik.

Blick zurück...

… die Vergangenheit liegt nicht allzu fern: 2009. Der Wandel traf uns nicht unvorbereitet, er kam spät, aber als er kam, ging alles sehr schnell. Wer von uns vor 2009 einen Kinosaal betrat und hinter sich schaute, zur Auslassung in der Wand gegenüber der Leinwand, hatte gute Chancen noch ein wirkliches Flimmern des Projektors wahrzunehmen. Wer während des Films – hoffentlich leise und behutsam – den Saal verlassen musste, um neues Popcorn zu kaufen oder seine Blase zu entleeren und an der Vorführerkabine vorbeikam, konnte noch das Rasseln und Rattern der Filmspulen in ebendiesem flimmernden Apparat hören. Nicht überall, versteht sich. Doch bedurfte es damals keiner Schatzkarte, um Orte des Flimmerns, Ratterns, Hakens und Rasselns zu finden. Es gab sie noch für gewöhnlich, diese feinfühligen Monster, durch die das Filmmaterial in Form von Cellulose- oder Polyesterstreifen durchlief. Es gab sie noch für gewöhnlich, die eng berollten Spulen auf denen der neuste Film wöchentlich angeliefert wurde und die man teils unter Aufbringung von Mühen in die Kabine oder den Lagerraum dahinter schleppen musste. Mit James Carmerons Blockbuster »Avatar« aus dem Jahr 2009, der selbst schon fast ein Kinoklassiker ist, änderten sich die Ansprüche sowohl an das Speichermedium als auch an die Vorführtechnik schlagartig: Digitalisierung und 3D-Technik waren im Jetzt des Kinos angekommen. Im Laufe der nächsten Jahre stellten die Kinos in Deutschland, gefördert und subventioniert mit öffentlichen Geldern, ihre Projektionstechnik vollständig um: Von analog zu digital. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, verabschiedeten sich (fast) alle Verleiher vom bisherigen Produktionsstandart, was heißt, dass Kinofilme nun nicht mehr auf 35-mm-Material herstellt und verliehen werden, sondern (fast) ausschließlich digital.

Blick nach vorn...

… denn so, wie die Zukunft co-präsent in der Gegenwart ist, ist auch die Vergangenheit nicht gänzlich verloren. Und ohne sich in Melancholie oder einem Fortschrittsskeptizismus zu verlieren, lässt sich beobachten, dass Balász recht haben sollte: Keine Katastrophe, sondern vielmehr eine Krise, die überstanden werden kann und die wir Cineasten überstehen. Nicht zuletzt deswegen, da sich abzeichnet, dass Altes nicht immer spurlos verschwinden muss, sondern dass es Wege und Mittel für ein Nebeneinander gibt. 3D-Kinospektakel wie »Avatar« bedingen eine innovative Weiterentwicklung, die wir nicht missen und erst recht nicht verteufeln wollen. Und gleichzeitig gibt es jedoch Projekte und Kinos wie wir, die weiterhin – erfreulicherweise gab es keine Abwrackprämie – ihre 35-mm oder 70-mm-Projektoren in Stand halten und allabendlich zum Flimmern und Rattern bringen. Für uns alle, die wir – abhängig vom Wohnort zwar – nun die Wahl haben.

Dankenswerterweise müssen wir uns nicht selbst auf die – es ist nicht zu leugnen – strapaziöse Suche nach Orten begeben, an denen ein Stück Kinogeschichte und damit ein Teilchen Vergangenheit er-lebbar ist. Matthias Dell erstellte für den »Freitag« eine Landkarte, eine Schatzkarte wenn man so will die die noch in Betrieb befindlichen Apparaturen auflistet und damit auffindbar hält.

Und da Landkarten, und erst recht die Sonderform der Schatzkarte, mit weißen Flecken, Tradition hat, kann BIG cinema stolz einen solchen benennen: Aufbewahrt, geschützt und regelmäßig gewartet, steht Ihnen über uns ein 35-mm-Projektor mit allem erdenklichen Zubehör sowie ein breites Wissen über die Kunst des Vorführens zur Verfügung. Fragen Sie nach! Wir schleppen auch für Sie die Rollen und versichern Ihnen, dass das Rattern der Filmspule nur so laut ist, dass Ihre Erinnerung geweckt, jedoch das Filmerlebnis nicht gestört wird.