Streben nach Qualität bei Digitalprojektionen

Thomas Hankel im Interview mit Johannes Bernstein, Geschäftsführer und Gründer der BIG cinema GmbH und Native der Digitalisierung im deutschen Kinobusiness.

F: Herr Bernstein, wie war das letze Kinojahr?
JB: Super. Die Auswahl an Filmen wächst ständig, immer mehr Leute gehen gern ins Kino oder zu Kino-Open Air-Veranstaltungen. Das ist eine tolle Entwicklung.

F: Was hat sich in den letzen Jahren geändert?
JB: In erster Linie die Schnelligkeit und Verfügbarkeit von allen möglichen Filmen. Dieser Teil der Logistik macht es besonders für kleinere Kinos und Open Air-Bühnen interessant, auf ihre Zielgruppen und deren Wünsche zu reagieren. Das konnten im Analog-Zeitalter aber auch gut organisierte Locations mit einem guten Händchen für ihre Besucher. Aus meiner Sicht noch viel wichtiger ist aber die Qualität der Vorführungen, denn auch kleine Kinos haben jetzt 5.1-Ton und DCIBildqualität. Die Digitalisierung hat die Qualität des Kinoerlebnisses deutlich gesteigert, das ist ein ähnlicher Effekt wie in den 80ern, als die Leute THX im Kino erlebt haben und extra deswegen hingegangen sind. Man geht einfach viel beeindruckter nach Hause, denn so ein Gesamtsystem haben die wenigsten im Wohnzimmer.

F: Was ist für Sie die bahnbrechendste Neuerung?

JB: Es ist aus meiner Sicht die Angleichung. Die Digitalisierung im Kino ist weitestgehend abgeschlossen. Die technischen Unterschiede zwischen Home, Event und Kino-Equipment nähern sich sehr schnell an. Alles ist vernetzt und wird immer mehr standardisiert. Dadurch ergeben sich tolle Möglichkeiten, UHD ist auf einmal für den Endverbraucher im Heimkino greifbar. Jetzt ist der Workflow in der ganzen Kette gefragt.

F: Kette? Sind nicht die Projektoren noch die größte Schwachstelle?
JB: Die Qualität der Projektoren wird meist nach Preis, Helligkeit und Auflösung beurteilt. Qualität im Kinobereich bedeutet aber in erster Linie Reproduzierbarkeit des Films „Eins zu Eins“! Soll heißen: auf der Leinwand soll der Film genauso aussehen wie ihn der Regisseur in der Postproduktion freigegeben hat. Vor allem für Multiprojektionen, in mehreren Sälen oder an mehreren Veranstaltungstagen ist das die größte Herausforderung. In der Praxis ist ein neuerer, größerer und besserer Projektor immer schön. Größer ist nur die Herausforderung, diesen richtig anzusteuern und auszunutzen. Und da kann man selbst mit Systemen, die nicht unbedingt die aktuelle Höchstleistung in der technischen Datenliste bringen, hervorragende Ergebnisse erreichen.

F: Welche Bedeutung haben dann höhere Auflösung und Helligkeit?
JB: Wie ich gerade geschildert habe – mehr ist nicht unbedingt besser. Es geht um die Reproduzierbarkeit des Films und den Einfluss des Ambientes, die den subjektiven Eindruck eines Projektionserlebnisses ausmachen. Aber das kann man in einem bestimmten Rahmen messen und kontrollieren, hier gibt es viele Erfahrungs- und Normwerte aus dem Kinobereich, die uns da sehr helfen. Und bei dieser Entwicklung sind wir von Anfang an dabei.

F: Schlagwort 4k - was ist dran?
JB: Es ist ähnlich wie die Entwicklung von HD vor zehn Jahren. Seit wir von Christie 2011 die ersten 4k-Projektoren in Europa ausgeliefert bekamen, haben wir die Entwicklung hier enorm beobachtet, gerade im vergangen halben Jahr sind hier mehrere neue Produkte mit vielen Innovationen im Markt releast worden. Was vor vier/fünf Jahren im Kino aktuell war, kommt jetzt im Event- und Businessbereich an, natürlich mit vielen Weiterentwicklungen. Für die reine Projektion bedeutet 4k mehr Helligkeit und einen viel größeren Wirkungsgrad, denn das 4k Panel ist auch etwas größer als das 2k oder HD Panel. Aber das ist wie gesagt nur ein Aspekt.

F: Welche Faktoren sind denn für Projektionsqualität bei 4k noch von Bedeutung?
JB: Neben der Helligkeit – aktuell sind ja bis zu 60.000 Lumen mit Laserlichtquelle möglich – gibt es noch ein paar andere Faktoren. Zuerst würde ich hier die Erhöhung der Bildrate, kurz „HFR“ nennen. Beim Beispiel „Hobbit“ sieht man, dass es eine viel plastischere und realistischere Darstellung ergibt. Die passende HFR lässt auch einen bis dahin guten 2k Content noch besser aussehen. Aktuelle Projektoren können inzwischen auch 4K mit 60p oder 120p. Eine weitere große Entwicklung vollzieht sich gerade wohl eher bei der Kameratechnik. Hier ist HDR ein bedeutendes Thema, analog zur Fotografie wo dies schon Standard ist. Praktisch werden mehrere Belichtungsaufnahmen, wie bei einem 3D Kamera-Rig, jedoch in gleicher Perspektive, zu einem Bild zusammengeführt. Dabei arbeiten die Blenden der einzelnen Kameras  unterschiedlich, quasi im oberen und unteren Belichtungsbereich gleichzeitig. Letztendlich entstehen so Bilder, die wieder mehr Detailtreue über den gesamten Bildbereich haben und „ausgefressenes“ Weiß oder „abgesoffenes“ Schwarz werden dann auch hier der Vergangenheit angehören, es sei denn man will es so.

F: Was sind Kontras und die derzeitigen Herausforderungen bei 4k?
JB: Es verändert die gesamte technische Infrastruktur. Wir benötigen viel höhere Bandbreiten, weil ein 4k Bild auch vier Mal „normales“ HD bzw. 2K ist. Das zieht einen ganzen Rattenschwanz von Vor- und Nacharbeiten mit sich rum, womit wir wieder bei der Kette wären. Als HD vor über zehn Jahren kam, musste man auf einmal in der Maske beim TV viel gründlicher schminken, es waren einfach mehr Details zu sehen und das hat eben auch Nachteile. Wir brauchen Leute, die das im Vorfeld schon verstehen, wenn sie zukünftig im Broadcast Bereich mit 4k arbeiten. Man braucht insgesamt auch guten Content, der das 4k Potenzial ausnutzt. Der Gesamtaufwand in der Kette verändert sich einfach exponentiell, von der Aufnahme über die Distribution bis hin zur Darstellung. Im Kinobereich sind zum Beispiel Filmproduktionen von Sony sehr weit vorn. Ein Großteil aller Sony Kinofilme sind in 4k.

F: Stichwort Endgerät: Was bedeutet nun 4k für´s normale Leben?
JB: 4k ist im Kino angekommen, für den Business- und Eventbereich sehen wir aktuell die Produktneuheiten, und im Privatbereich muss der Workflow noch geschaffen werden. Es gibt schon bezahlbare UHD Fernseher, mit den passenden Playern werden wir uns wohl noch etwas gedulden müssen. Es ist noch eine Menge Luft, aber die Entwicklungen gehen echt zügig voran.

F: Was ist denn charakteristisch für professionelle Projektion?
JB: Die hundertprozentige Reproduzierbarkeit im Sinne des zu zeigenden Inhalts. Die Projektoren haben unterschiedlichste Einstellungsmöglichkeiten und diese werden zumeist so vorgenommen, dass sie subjektiv in dem Moment gut erscheinen. Der Standard sollte aber der des Regisseurs sein. Im Kino ist dies gewährleistet, Stichwort „DCI“. Die Umsetzung findet dann mittels spezieller Testbilder und Messgeräte statt. Weiß soll immer gleich weiß aussehen, unabhängig vom Lampen und Panelalter. Dieser Standard durchzieht auch die gesamte Signalkette. Im Event und in der Businessprojektion ist das etwas schwieriger. Meistens finden hier nur Einstellungen statt, die sich auf das Angleichen verschiedener Projektorbilder - z.B. bei Softedges - hinsichtlich Farbanpassung und Helligkeit beziehen. Besonders bei Festivals mit verschiedenen Locations, wo ein Film in jedem Saal den gleichen Eindruck hinterlassen soll, ist dies eben nur über den Standard DCI realisierbar. Ein großer Fortschritt ist hier schon die allgemeine Digitalisierung, wo beispielsweise HD-Kameras bei Events inzwischen Standard sind bzw. sich die digitalen Ausgabeformate sich angeglichen haben, es kommt niemand mehr mit einer PAL-DVD zu einem Festival. Im Kino werden Bild und Ton eingemessen, wir übertragen einen Teil dieser Erfahrungen auch auf den Business- und Eventbereich.

F: Was kommt dabei zum Einsatz?
JB: Colorimeter, Lux-Meter, und natürlich das Messmikro für den Ton. Ein Riesenvorteil ist dies gerade unter, im Vergleich zum dunklen Kino, suboptimalen Bedingungen. Beispielsweise die Kombination von Event und Kino mit Musik „Live to Projection“ in Konzerthäusern. Fremdeinflüsse wie Bühnenlicht beeinflussen die Projektion und derartige Störeffekte können mittels Messung lokalisiert und gemindert, bestenfalls ausgeglichen werden. So können z.B. Filme auch außerhalb eines gewohnten Umfeldes in adäquater Qualität repräsentiert werden.

F: Das hört sich nach typischer Normen- und Prinzipienreiterei an, wo nur Big Player gewinnen.
JB: Hier geht´s nicht um reine Normen und Prinzipien zur Abgrenzung. Die Vielfalt der Möglichkeiten würde sonst zu schwer überschaubarem Wildwuchs führen - schlussendlich sieht´s mit einem Standard, der sich an DCI orientiert, am Ende einfach besser aus. Das Erlebnis für den Zuschauer ist damit optimal und das steht für die Filmindustrie im Vordergrund. Und die Standards und Workflows, die dabei entstehen, helfen schließlich auch der Event- und Businessprojektion zum Qualitätsgewinn.

F: Woran kann der Konsument das erkennen?
JB: Das ist ganz einfach. Technische und limitierende Faktoren treten in den Hintergrund, man kann sich auch bei Open Airs nur mit dem Film beschäftigen. Wenn sie nichts ablenkt, sie nichts stört und das gezeigte und gespielte jederzeit die Oberhand hat und sie eintauchen lässt – dann ist es gut.

F: Was ist der Trend bei digitalen Projektionen?
JB: Wie bei jeder technischen Entwicklung wird jede neue Lösung mit der Zeit bezahlbar. Aber man braucht auch wesentlich mehr Know How, um die damit einhergehenden Qualitätsgewinne erfassbar machen zu können. Der Trend geht da ganz eindeutig zu Systemlösungen, spezialisierten Bedienern und perfekt inszeniertem Ambiente.

F: Abschlussfrage: Sind Sie dafür, die Technikschraube immer weiter hochzudrehen?
JB: Ja klar, denn letztendlich gewinnt der Zuschauer.

Infobox BIG cinema:
Johannes Bernstein, seit den 90er Jahren als Einzelunternehmer im Kinogeschäft tätig, gründete 2009 die BIG cinema GmbH. Der Pionier und Entwickler im Bereich Systemlösungen für mobile D-Cinema Projektionstechnik bietet mit seinem Unternehmen die gesamte technische Beratung, Planung und Umsetzung professioneller digitaler Kinoveranstaltungen und Projektionsevents, inklusive Autokino, Premierenscreenings, 3D-Vorführungen und Filmkonzerte mit Live-Musik. Das Leistungsportfolio umfasst auch die Vermietung und den Verkauf von digitaler Projektionstechnik der Firma CHRISTIE.

Infobox DCI-Standard:
Die DCI definiert technische, qualitative, logistische und rechtliche Aspekte für das digitale Kino. Dies wird auch als Standard für "D-Cinema" bezeichnet. Dazu gehören Qualitätsaspekte der verwendeten Projektoren, Datenraten und Auflösung, Untertitel, Kopierschutzverfahren, Tonformate, Farbräume bis hin zu Auslieferungsmethoden und -formaten. Die DCI ist ein Dachverband amerikanischer Filmstudios.